Der deutsche Chemiker C. Graebe öffnete 1871 die Büchse der Pandora. In diesem Jahr entwickelte er eine organische Halogenverbindung namens Chloracetophenon (CN), das erste chemische Giftgas.
Von Sven Helmes
Umgangssprachlich nennt sich CN ganz einfach "Tränengas", obwohl es sich dabei streng genommen nicht um ein Gas, sondern um feine Kristalle handelt. Bei Raumtemperatur sind sie fest, die Schmelztemperatur liegt bei 58 Grad Celsius. Wie ein Aerosol (feiner Nebel, der auf die Atemwege wirkt) verdampft es durch Explosions- oder Pulvergase, weshalb es sich einfach in Patronen oder Granaten einbringen läßt. Erst durch die Kombination mit einem organischen Lösungsmittel wie Alkohol, Äther oder Benzol bekommt der Stoff eine flüssige (und nicht etwa gasförmige) Konsistenz. Mit Wasser geht der Stoff keine chemische Verbindung ein. Diesen Umstand machen sich die Polizeien vieler Länder zunutze. Sie mischen CN in die Vorratsbehälter ihrer Wasserwerfer und drücken dann bei gewalttätigen Demonstrationen auf die Tränendrüsen der Massen. Denn CN wird über die Schleimhäute, die oberen Atemwege und vor allem über die Augen aufgenommen.
Das Ergebnis ist ein starker, brennender Schmerz in den Augen, der zum Reiben verleitet - was aber nicht hilft, sondern die Chemikalie nur noch weiter verbreitet. Dadurch entsteht starker Tränenfluß und ein Brennen der Schleimhäute, in der Nase und der Kehle. Natürlich schmerzt das Mittel auch bei jedem Kratzer oder jeder offenen Wunde am Körper. CN ist nicht ungefährlich. Seine Wirkung hängt stark von der Konzentration ab, die auf eine Person einwirkt: Ist die Menge hoch, etwa bei nasser Kleidung nach einem Strahl aus einem Wasserwerfer, kommt es unter Umständen zu allergischen Hautreaktionen, in extremen Dosierungen sogar zu Lungenödemen. Menschen starben in geschlossenen Räumen, in denen eine extrem hohe Konzentration von 3176 Milligramm pro Quadratmeter in der Minute auftrat. Deshalb begrenzt der Gesetzgeber in Deutschland den Inhalt der Sprühdosen und Patronen sehr streng. In Amerika hergestellte Geräte genauso wie ausschließlich für den Polizei- oder Militärgebrauch gefertigte Munition oder Sprays enthalten oft viel mehr Chemikalienmasse.
Weil sich CN im feuchtheißen Klima tropischer Kolonien zu schnell zersetzte, entwickelten in Großbritannien die beiden Chemiker B. Corson und R. J. Stoughton 1928 das dem CN verwandte Ortho-Chlorbenzylidenmalondinitril (CS). CS besitzt einen Schmelzpunkt von 95 Grad und reagiert mit Wasser. Die Wirkung von CS ähnelt der des CN, zusätzlich verursacht es starken würgenden Husten, Schwindelanfälle, unter Umständen auch Brechreiz. Bei hohen Konzentrationen kommen Erstickungsgefühl und panische Angst hinzu. Betroffene können sogar ohnmächtig werden. Allerdings ist bei CS die Gefahr von bleibenden Schäden angeblich geringer als bei anderen Giftgasen.
Doch sowohl CS als auch CN haben einen großen Nachteil. Ihre Wirkung hängt vom sogenannten Tatzeitzustand des Getroffenen ab. Das heißt, ein angetrunkener oder unter Drogen stehender Angreifer verkraftet eine weitaus höhere Dosis. Außerdem kann CS genauso wie CN Allergien hervorrufen und steht nach wie vor im Verdacht, in hohen Dosen Krebs zu erzeugen.
Als Alternative zu den chemischen Keulen präsentiert sich ein Naturprodukt, das in den letzten Jahren (wiederum aus den USA) verstärkt auf den Markt kam: das Extrakt Oleoresin Capsicum (OC), aus rotem Cayenne-Pfeffer gewonnen. Es wirkt ähnlich wie CN und CS und bewies sich im Einsatz auch gegen gedopte Angreifer und durchgeknallte Kampfhunde - weshalb es in Deutschland wie in anderen Ländern unbeachtet als Anti-Hundemittel im Handel ist. Sogar die gute, alte Bundespost verteilte es an Briefträger in Villenvororten.
In den USA betrachten die Polizeien OC mittlerweile als Wundermittel. Es sei viel effektiver als CN oder CS und nach Gebrauch einfacher zu neutralisieren (durch Abwaschen). So rüstet das FBI seit 1989 seine Beamten mit OC-Sprays aus. In Deutschland aber veranstalten die Behörden einen Affentanz um dieses Mittel zur Selbstverteidigung, dessen Extrakt in vielen Salben gegen Rheuma oder Sportverletzungen enthalten ist.
Aber das Zulassungsverfahren für einen neuen Reizstoff stellt in Deutschland einen kabarettwürdigen Vorgang à la Hildebrandt dar: Zuerst muß ein Anbieter oder Importeur eine Zulassung beim Bundeskriminalamt beantragen. Diese gibt es jedoch erst nach einer Reihe vorgeschriebener Tests. Deshalb reichen die Wiesbadener die Anfragen an das Fraunhofer-Institut für Umweltchemie und Ökotoxikologie in Schmallenberg weiter. Aber dort schütteln die Chemiker die Köpfe. Über die Toxizität oder die gesundheitliche Gefährdung liegen bisher keine grundsätzlichen Aussagen vor, sagt das Institut. Zwar gibt es seit Jahren Daten aus den Vereinigten Staaten. Doch die deutschen Chemiker weigern sich, das Zahlenmaterial zu übernehmen, weil sie die juristische Verantwortung dafür nicht übernehmen wollen.
Ob OC gesundheitlich unbedenklich ist und wieviel Reizstoff in einer Sprühdose oder Patrone maximal enthalten sein darf, muß deshalb das Bundesgesundheitsamt (BGA) in Berlin sagen. Doch um die Unschädlichkeit und die Konzentration von OC zu ermitteln, müßten Tierversuche durchgeführt werden. Seit der Novellierung des Tierschutzgesetzes 1986 jedoch ist die Entwicklung oder Erprobung von Waffen an Tieren nicht mehr erlaubt. Und dummerweise vergaßen die Damen und Herren Parlamentarier bei der Novellierung, eine Alternative zu Tierversuchen im Gesetz zu verankern.
So bleibt OC auch weiterhin in diesem, unserem Lande als Abwehrspray gegen menschliche Angreifer verboten. In den Handel kommt es nur mit Aufschriften wie "Nur gegen Hunde" oder "Darf ausschließlich zur Abwehr von aggressiven Tieren eingesetzt werden". Und den deutschen Importeuren und Anbietern von OC-Sprays und -Patronen bleibt nur ein Ausweg: Sie verkaufen ihre Produkte zur Abwehr von wilden Tieren.
Wie sagte doch neulich ein Verkäufer im Fachgeschäft zu einer Dame? "Sie dürfen das Pfefferspray nur zur Abwehr von Hunden einsetzen. Und davon gibt es eine ganze Menge - vierbeinige und zweibeinige."
aus: VISIER-Special: Freie Waffen, Sommer 1998
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Farben-Lehre: Die Munitionssorten sind bei Pistolen an farbigen Abschlußkappen zu identifizieren. Schreckschußpatronen sind grün, CN-Reizstoffpatronen blau, CS ist gelb und OC braun.
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