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Vorhof zur Hölle
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Nach 80 Jahren steht ein Name für die Sinnlosigkeit des Grabenkrieges, in dem Hunderttausende von französischen und deutschen Soldaten starben: Verdun.
Von Sven Helmes
Dezember 1915: In einer folgenreichen Besprechung faßte Generalleutnant Erich von Falkenhayn für Kaiser Wilhelm II. die Lage zusammen: "Frankreich ist militärisch und wirtschaftlich — dies durch dauernde Entziehung der Kohlenfelder im Nordosten des Landes — bis nahe an die Grenze des Erträglichen geschwächt."
Der Sieg stünde vor der Tür, aber: "Das zweifelhafte und über unsere Kraft gehende Mittel des Massendurchbruchs ist dazu nicht nötig." Vielmehr glaubte Falkenhayn, daß das deutsche Heer an einem von ihm gewählten Punkt der Front die französischen Truppen zur Entscheidung stellen und dort langsam aufreiben könnte. Dabei kalkulierte Falkenhayn mit einer erschreckenden Verlustquote:
Deutschland könne es sich leisten, je zwei Soldaten zu opfern, wenn dafür fünf Franzosen ihr Leben ließen. Die Republik könne auf Dauer einen solchen Ausblutungsprozeß nicht verkraften. Als geeigneten Frontabschnitt benannte der Chef der obersten Heeresleitung den französischen Ort Verdun — der Name sollte zum Synonym der Schrecken des modernen Vernichtungskrieges werden, wie nachher Stalingrad, Dien Bien Phu oder das persische Schlachtfeld von Fao, das für den Irak einen ähnlichen Symbolwert erhielt.
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Verdun bildete aber auch den Wendepunkt des Weltkrieges, an dem die Generale beider Seiten endgültig ihre herkömmlichen Vorstellungen von klassischen Schlachten und Siegen aufgaben. Nicht mehr der taktische Geländegewinn, die Eroberung, der Durchstoß durch eine Stellung standen nun im Vordergrund der Erwägungen, sondern einzig und allein die völlige Vernichtung des gegnerischen Potentials — endgültige Konsequenz einer technisierten, nur noch auf Massentötungsmittel wie Giftgas und Trommelfeuer setzenden Kriegsführung.
Weder die Feldherrnkunst noch die taktischen Umfassungsmanöver eines Napoleon oder Moltke zählten von nun an, sondern nur Materialüberlegenheit in Form von Geschützrohren, Munitionsmengen und Truppenzahlen. In diesem Konzept verwandelte sich das einst von den Generälen für ihre Schachzüge genützte Gefechtsfeld in einen riesigen Fleischwolf, auf dem Menschen und Material wie auf einer Müllhalde endeten. Was später als Opfergang verbrämt wurde, war einzig und allein ein militärisches Einweg-Verfahren: Die Qualität der Regimenter zählte nicht mehr. Die Heeresleitung schickte sie als Füllmaterial an die Front.
Ihr Einsatz erfolgte ohne Rücksicht auf Verluste. Sofern Truppenteile bei der turnusmäßigen Ablösung aus der Linie noch eine Spur von verbandsmäßigem Zusammenhalt aufwiesen, wurden sie durch "Ersatz" aufgefüllt, ansonsten durch neue Kontingente ausgewechselt.
Im strategischen Plan eines Falkenhayn existierten die Frontsoldaten nicht einmal mehr als handelnde, dirigierbare Statisten mit einer Rolle, sondern nur noch als Objekt in Form von Regimentern und Divisionen, die wie Holzscheite das Höllenfeuer um Verdun am Lodern hielten. Er plante, die nach 1870/71 zwischen Belfort und Verdun entstandenen Festungsanlagen mit einer zusammengezogenen Artillerie-Masse von 1400 Geschützen sturmreif zu schießen und dann einzunehmen. Die Verteidiger verfügten über gerade mal die Hälfte dieses Materials. Denn die Franzosen hatten nicht mehr. an einen Angriff entlang dieser Höhenzüge geglaubt, die Forts dearmiert und die Satzungen bis auf eine Notmannschaft abgezogen. Als sich aber die deutschen Vorbereitungen abzeichneten und sich der Angriff infolge schlechten Wetters immer wieder verzögerte, karrte Frankreich alles heran, was eine Lafette besaß.
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Das Schlachtfeld von Verdun begann am Morgen des 21. Februar 1916 um 7.15 mit einer Kanonade auf einer Frontlänge von 40 Kilometern. „Die Explosionswolken waren so dicht, dass die Maas-Höhen und die Woevre-Ebene einem riesigen, rauchspeienden Industriegebiet glichen.“, berichtet ein deutscher Soldat. Doch als die deutschen Infantristen am späten Nachmittag zum Angriff ansetzten, zeigte sich, dass Falkenhayns Rechnung nicht aufging.
Die Festungsanlagen und das umliegende Grabensystem waren keinesfalls sturmreif geschossen. Überall lauerten noch MG-Nester und versteckte Igelstellungen. Nur unter schwersten Verlusten gelang die Eroberung der ersten Stellungslinie. Bereits die ersten Tage der Kämpfe zeigten die Unwirksamkeit der „Blutmühle“.
Aber trotz aller Fehlschläge hielt die Oberste Heeresleitung an Falkenhayns Plan fest und setzte das verlustreiche Ringen um jede Handbreit Boden zehn Monate bis zum Dezember 1916 fort. Nur: Die Kalkulation von zwei Deutschen gegen fünf Franzosen funktionierte von Anfang an nicht, weil die französischen Verteidiger sich naturgemäß im Vorteil befanden. Außerdem zwang eine britisch-französische Entlastungsoffensive an der Somme vom Juli bis zum November 1916 die deutsche Führung, Kräfte von der Verdun-Front abzuziehen. Diese Schlacht kostete das Reich eine halbe Million Mann, die Alliierten verloren gar 650 000 Soldaten — und erwies sich damit als wesentlich verlustreicher als das auf beiden Seiten zum nationalen Mythos erhobene und mit zahlreichen patriotischen Legenden verklärte Verdun-Gemetzel.
Paul von Hindenburg, des Kaisers Feldmarschall und späterer Präsident der ersten deutschen Republik, pries Verdun als "Fanal deutschen Heldentums", dessen mörderischer Kampf nach amtlichen Zahlen 377.000 französische und 337.000 deutsche Tote, Verwundete und Vermisste gefordert habe. Schnell machten spätere Geschichtsschreiber daraus eine halbe Million, einige französische Quellen verstiegen sich sogar zu astronomischen Ziffern wie 1,5 Millionen Opfer allein auf der eigenen Seite.
Alles Mythen — so unendlich furchtbar und blutig der Kampf um die kleine, seit dem Mittelalter als Verkehrsknotenpunkt wichtige Stadt an der Maas auch war, Verdun stellte weder das verlustreichste Treffen an der Westfront noch die große Entscheidungsschlacht dar. Der Historiker German Werth ("Verdun", Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1979) bezifferte nach akribischer Analyse der Sanitätsberichte und Verlustmeldungen der Truppenteile, daß auf deutscher Seite 81.668 Tote und Vermißte anfielen, von denen mindestens ein Drittel aber lebend in französische Gefangenschaft geriet.
Ähnlich sah die Situation beim Gegner aus. Schlimm genug, aber die verherendste Wirkung von Verdun fand in den Köpfen beider Völker statt. Der Aderlaß an der Maas veranlaßte Frankeich nach dem Krieg dazu, mit der Maginot-Linie auf ein kostenträchtiges, aber am Grunde nutzloses "Bollwerk gegen den Erbfeind" zu setzen.
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Damit barg der französische Verdun-Mythos von den unbezwingbaren Stellungen an der Maas schon den Keim zur Niederlage von 1940. Deutscherseits führten die zum Heldenepos stilisierten Zufallserfolge wie die "Erstürmung des Douaumont" oder der Fall der "Panzerfeste" Vaux am 7. Juni dazu, daß die Heeresleitung den Glauben an einen endgültigen Sieg nicht aufgab. Außerdem: Im dritten Kriegsjahr brauchte der Kaiser Vorzeige-Helden, und da kamen ihm Figuren wie der adlige Berufsoffizier Cordt von Brandis gerade recht. Der Oberleutnant, Chef der 8. Kompanie des Infanterieregiments Nr. 24, galt jahrzehntelang als Eroberer des Douaumont, vom Kaiser mit dem „Pour le merite“ ausgezeichnet.
Aber nicht Brandis besetzte das Fort, sondern die 6. Kompanie unter dem bürgerlichen Reserveleutnant Eugen Radtke — und das auch eher aus Versehen. Das 24. IR sollte nur bis auf 400 Meter an das Werk heranrücken und den Sturm den entsprechend ausgestatteten Pionieren überlassen. Aber statt der 500 Mann Besatzung saßen in den weiträumigen Kasematten des Werks gerade mal 70 ältere Landwehrleute und Festungssoldaten.
Als Festung seit dem Herbst 1914 abgeschrieben, sollte die Restbesatzung das Fort am 24. Februar in die Luft jagen. Aber der Befehl erreichte die Eingeschlossenen nicht mehr. Dafür gelangten etwa 20 Soldaten der 6. Kompanie Radtkes über den Fortgraben in die Festung: Weil die deutsche Artillerie-Feuerwalze wie so oft zu kurz fiel, gerieten die Männer des III. Batallions in arge Bedrängnis durch die eigenen Einschläge, und einige suchten das Heil in der Flucht nach vorn: Die Mauern des Forts boten Schutz und lieber dort in Gefangenschaft als sinnlos im eigenen Feuer fallen.
Aber auch die Franzosen bastelten an Legenden. Die Gewehre im "Graben der Bajonette" stammten nicht von einer verschütteten Kompanie —sie wurden weggeworfen, als ihre Besitzer am 12. Juni kapitulierten. Heute stehen die Denkmäler und das vom Grün überwucherte Schlachtfeld mit seinen Forts für die Sinnlosigkeit solcher Heldenlegenden, die nur die Herzen der nachwachsenden Generationen vergiften.
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VISIER 6/1996 Fotos: Sven Helmes, Archiv
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