Am langen Arm

Sie verschoss Steine, Kadaver und sogar einen Bürgermeister. die Blide galt als furchtbarste Waffe des Mittelalters.

Text und Fotos: Sven Helmes


Der Stein, der alles ins Rollen brachte, war rund und stammt aus dem Jahr 1212. Zwei Jahre zuvor hatte sich Landgraf Hermann I. von Thüringen einer Fürstenverschwörung gegen Kaiser Otto IV. angeschlossen. Der sann auf Rache und belagerte mit 2500 Männern im Herbst 1212 die Runneburg bei Weißensee, das Machtzentrum des Thüringers. In seinem Belagerungstross führte Otto eine neuartige Waffe mit mauer brechender Wirkung, eine Blide. Mit dieser Steinschleuder beschoss er aus sicherer Entfernung den Turm neben dem Burgtor.

Trotzdem schlug die Belagerung fehl, die Runneburg blieb ungestürmt, und die knapp 100 Kilogramm schweren Steingeschosse lagen unbeachtet am Fuße der Burg – bis sie vor einigen Jahren bei Ausgrabungen entdeckt wurden. Vier dieser Steinkugeln mit ungefähr 40 Zentimetern Durchmesser besitzt mittlerweile der „Verein zur Rettung und Erhaltung der Runneburg.“

Im Grunde nichts besonderes, in vielen Museen und Burghöfen finden sich solche Geschosse, die oft für frühe Kanonenkugeln gehalten werden. Die eigentliche Sensation, die scharenweise Touristen auf die Runneburg lockt, steht im Hof: der originalgetreue Nachbau einer Blide, technischer Stand vom frühen 16. Jahrhundert. Das 18 Meter hohe und 30 Tonnen schwere Wurfgerät ist alles andere als ein totes Museumsstück. Mehrmals im Jahr kann es beweisen, dass es durchaus dem mittelalterlichen Standard entspricht: Treffsicher verschießt die Blide dann eine Steinkugel auf eine 300 Meter entfernte, etwa fußballplatzgroße Wiese, idyllisch zwischen Kleingartenkolonie und Molkereibetrieb gelegen. Dort schlug das Geschoss bislang mit einer maximalen Zielabweichung von sechs Meter ein.

Die gesamte Konstruktion wirkt wie die Kinderwippe eines Riesen, nur dass der Wippbalken (die Rute) nicht mittig, sondern seitlich versetzt auf der Achse sitzt. Am kurzen Ende hängt ein über einen Kubikmeter fassender Holzcontainer mit Sandsäcken. Zusätzliche Bleiklötze am Arm-Ende bringen das Gegengewicht zum Wurfarm auf sechs Tonnen. Im Ruhezustand ragt daher das lange, sich verjüngende Ende senkrecht hoch.



Zum Schießen ziehen es mindestens acht Mann mittels einer Winde Meter um Meter herunter, ein riesiges Zahnradsystem verhindert das Zurückschnappen. Etwa eine Stunde schweißtreibende Arbeit, dann steht die Rute in Wurfstellung. Nun hängt der Blidenmeister die eigentliche Schleuder, ein langes starkes Tau mit einem Sack in der Mitte, an den massiven Haken. Das Geschoss ruht im Schleudersack in der Gleitrinne unterhalb des Wurfarms. Als Abzugsmechanik dient ein dickes Tau, über das Ruten-Ende gelegt und durch einen Sicherungsbolzen am Gestell gehalten. Jetzt wird das Spannseil ausgehakt. Durch einen Schlag mit dem Hammer auf den Bolzen oder durch Zug an einem Seil entriegelt der Blidenmeister den Mechanismus. Das Gewicht zieht die kurze Seite der Rute herunter, die lange Seite schnellt nach oben. Der Schleudersack schwingt mit und vergrößert so die Hebelkraft der Wurfmaschine. Schließlich löst sich eine Seite vom Haken, und die 80 Kilo schwere Steinkugel macht sich auf den Weg ins Ziel.

Die Besucher auf der Runneburg erleben ein Gerät, das zu den ältesten und größten Artilleriewaffen der Kriegsgeschichte gehört. Bereits im dritten Jahrhundert nach Christus benutzten die Römer Torsionsgeschütze. Sie bestanden aus einem stabilen Holzrahmen, in den ein verdrilltes Haar- oder Faserbündel eingespannt wurde. In diesem Bündel steckte der Wurfarm, das Spannen erfolgte mittels Achsensystem. Das Geschoss lang meist in einem Löffel am Ende des Hebels.

Die ersten Schleudern mit Ge gengewicht benutzten vermutlich um das Jahr 1000 die Chinesen. Schon zur Zeit der Kreuzzüge existierten Konstruktionen, bei denen bis zu 150 Mann den Arm einfach an Tauen nach unten zogen. Zeitgenössische Darstellungen zeigen aber auch Kombinationen von beiden Methoden — also Gegengewichte und Zugkraft. Besitzt ein Gerät ein feststehendes Gegengewicht, handelt es sich um einen Trobock (oder Trebuchet), mit schwingendem Gewicht ist’s eine Blide. Jedenfalls theoretisch, denn die mittelalterlichen Chronisten schmissen die Begriffe munter durcheinander, so dass unter heutigen Historikern bei aller akribischer Recherche zuweilen noch Verwirrung ausbricht.

Einigkeit herrschte bei den Berichterstattern aber über die außerordentlich hohe Wucht. In Reichweite und Geschossgröße den Torsionswerfern weit überlegen, stand den Heerführern zum ersten Mal eine Distanzwaffe mit mauerbrechender Wirkung zur Verfügung. Vor allem die Dächer, die hölzernen Aufbauten und Erker an Mauern und Türmen konnten den fliegenden Steinen nicht Stand halten.

Selbst Fehlschüsse ins Burginnere waren noch erfolgversprechend: Schlug die Kugel auf das Pflaster, flogen Steinsplitter meterweit. Dem Einfallsreichtum der Benutzer waren kaum Grenzen gesetzt: Als die Mongolen 1346/47 die Stadt Caffa belagerten, brach in ihrem Heer die Pest aus. Kurzerhand schleuderten sie die Leichen in die Stadt — und auch dort brach die Seuche aus.

Biologische und psychologische Kriegsführung gab es also bereits im Mittelalter: Zerstückelte Tierkadaver per Blide in einer belagerten Burg oder Stadt verstreut und vom nächsten Regen in die Zisternen geschwemmt, konnten die Wasservorräte vergiften. Auch Köpfe und sonstige Körperteile von Gefangenen und Spionen sind als Wurfmaterial verbürgt, und mehr als einmal transportierten Bilden auch Bienenkörbe als Geschosse.

Und als Bürgermeister Felsbach von Eisenach 1262 im Hessisch-Thüringischen Erbfolgekrieg zu den Hessen hielt, verschnürten ihn die siegreichen Thüringer nach der Eroberung Eisenachs zum handlichen Paket und katapultierten ihn kurzerhand über die Mauern der Stadt in Richtung eines nahen Waldes. Kein Wunder, dass die gewaltigen Schleudern immer wieder als "teuflisches Werkzeug" bezeichnet wurden.

Dass der Blidennachbau gerade auf der Runneburg steht, hat seine historische Berechtigung. Denn dort wurde zum ersten Mal auf deutschem Boden eine Bilde erprobt. Woher Otto IV. das Wissen um Bau- und Wirkungsweise besaß, ist nicht bekannt. Vermutlich brachte der Kaiser aber einen Bauplan aus dem italienischen Capua von einer Art mittelalterlichen Waffenmesse mit und ließ das Gerät von Handwerkern ausführen.

Obwohl die Blide an der Runneburg scheiterte, blieb sie in Gebrauch. In seinem Testament vererbte Otto 1218 das Geschütz einem seiner letzten Anhänger, Herzog Albrecht von Sachsen. Der nahm es im Frühjahr 1219 auf den Kreuzzug nach Livland mit.

Dort beschoss der "rector machinae" (Ausrichter der Maschine), wie Chronisten den Herzog nannten, die Burg Mesoten im östlichen Semgallen. Der erste Wurf zertrümmerte einen Erker samt Insassen, der zweite donnerte in die Palisaden, und Kugel Nummer drei zerknickte zwei Holzpfeiler und erschlug mehrere Krieger. Tags drauf ergab sich die Besatzung demoralisiert.

Die fürchterliche Wirkung und imposante Größe verhalf den Wurfmaschinen zu einem äußerst hohen Drohpotential. Ein mittelalterliches Bild zeigt die Stadtsilhouette von Siena und den riesigen Arm einer Wurfmaschine, trotzig in den Himmel gereckt. Im Vordergrund verlässt der Fürst die Stadt. Eine klare Botschaft: "Fürst, ärgere uns nicht. Denn wir besitzen die Mittel, deine Burg zu zerstören."

Aber nur große und reiche Städte konnten sich den Bau und Unterhalt einer Wurfmaschine leisten. Die freiberuflichen Blidenmeister (ingenarii), meist erfahrene Steinmetze oder Zimmermänner, waren kein billiges Vergnügen, und zur Bedienung brauchte es zehn bis 15 vollamtliche Mitarbeiter. In Friedenszeiten trainierten sie den Auf und Abbau, warteten die Maschine und exerzierten das Laden. Heute noch künden in vielen alten Orten Straßenbezeichnungen wie "Blidengasse" vom einstigen Besitz einer Wurfmaschine.

Im 16. Jahrhundert verloren die Bliden mit dem Aufkommen der Bombarden und Kanonen schnell an Bedeutung — auch wenn sich Napoleon III. Mitte des 19. Jahrhunderts kurzfristig mit ihnen beschäftigte. Er beauftragte Hauptmann Fave, anhand eines Hebelgeschützes die Brauchbarkeit für den militärischen Einsatz zu prüfen. Die nicht mehr erhaltene Schleuder besaß eine Rute von zehn Metern Länge und ein Gegengewicht von 4.500 Kilo. In dem Bericht hieß es: "Man warf eine Kanonenkugel 24 Pfund auf 175 m; eine Bombe von 22 cm, mit Sand gefüllt, auf 145 m; Bomben von 27 und 32 cm, mit Sand gefüllt, auf 120 m. Die seitliche Abweichung der Geschosse war überraschend gering: sie hat niemals 3 m ausgemacht."

Leider erwies sich Faves Konstruktion als etwas schwächlich, so dass die Franzosen die Versuche bald aufgaben. Auch im I. Weltkrieg hantierten Soldaten in den Gräben wieder mit Schleudern für Handgranaten.

Dennoch bleibt es die Aufgabe begeisterter Experimentalarchäologen, die Teufelsmaschinen des Mittelalters aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Und das ist ein teures und zeitintensives Hobby. Der Runneburg-Verein bereitete ab 1989 den Buden-Bau vor. 1994 entstanden erste Pläne, die Mitglieder begannen mit der Materialbeschaffung. Es folgte die Konstruktion zweier Modelle im Maßstab 1:10, um die verschiedenen Varianten wie Wurfarmlänge und Gewichte zu ergründen.

Dann wurde es richtig teuer: Allein die Schlinge für die Steinkugel kostete 5000 Mark. Rund eine Viertelmillion Mark für Holz und Stahl machte der Verein locker, bevor die Blide schließlich im Burghof stand — die vielen ehrenamtlichen Arbeitsstunden nicht mitgerechnet. Auch der Kampf mit der Bürokratie nahm seine Zeit in Anspruch. Der gemeinnützige Runneburg-Verein verfügt über eine Zivildienststelle. Und es erforderte viel Überzeugungsarbeit, bis die Beamten in der Behörde nachvollziehen konnten, warum ein junger Mann, der den Dienst mit der Waffe verweigert hatte, nun beim Bau eines mittelalterlichen Mordinstrumentes den Hobel schwingt.

Da man mit der Blide auch öffentliche Vorführungen plante, brauchte sie den Segen des TÜVs. Das sorgte wieder für viel Hin und Her, denn Steinschleudern sind beim besten Willen nicht DIN-gerecht. Doch nach der Besichtigung vor Ort, einer Vorführung des Modells und dem Nachweis einer Haftpflichtversicherung prangt nun das begehrte (und 8.000 Mark teure) Prüfsiegel am Holzgerüst.

Doch Nachahmer und Hobbybastler seien vor leichtfertigen Experimenten gewarnt. Vor einigen Jahren probierte in einem norddeutschen Städtchen einige Hobby-Bastler ihre selbstgebaute Blide aus und jagte mit dem ersten Schuß eine 15 Kilo schwere Steinkugel in die Bismarck-Eiche, die seit über 100 Jahren auf dem Marktplatz steht. Der Bürgermeister soll nicht sonderlich amüsiert gewesen sein...



aus: VISIER 1/1998


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