Dem Ingenieur ist nix zu schwör
Forscher unter sich: Der ehemalige Forschungsminister Heinz Riesenhuber und Peter Abel beim Fachsimpeln. Riesenhuber war Ehrengast beim letztjährigen, von Peter Abel veranstalteten Schloß-Festschießen in Hoechst. Geschossen wurde mit getunten Luftgewehren.
Der Frankfurter Peter Abel tunt Großkaliber- und Druckluftwaffen. Kein Wunder, daß der Mann nie Zeit hat.
Von Sven Helmes
Seine Werkstatt ist der Alptraum jeder ordnungsliebenden Hausfrau, Nicht, daß der leidenschaftliche Waffenkonstrukteur Peter Abel ein Schlamper wäre — es fehlt ihm schlicht die Zeit zum Aufräumen. Ein Tag hat 24 Stunden. Abel brauchte für seine Ideen mindestens 36, und die besten kommen ihm "in der Badewanne oder bei einem guten Glas Bier."
Geboren 1948 im Westerwald, absolvierte Abel nach der Schule eine Lehre im Bereich Feinmechanik und Optik, ein Studium im gleichen Fachbereich folgte. Nach dem Examen begannen seine Wanderjahre, die ihn zu bedeutenden Waffenherstellern in Deutschland führten: zu Walther, wo Abel an den Prototypen der ersten CO2-Luftpistolen CP1 und CP2 feilte, außerdem zu Anschütz, Mauser und Blaser.
Von Ulm zog es ihn nach Eckernförde zu Sauer & Sohn, dann zur Rhöner Sportwaffenfabrik in Obereisbach, zu Weihrauch und Diana. Und schließlich ins Ausland: In Italien sah er sich bei Beretta in Gardone um und holte sich bei den italienischen Vorderladerherstellern in Brescia wertvolle Anregungen. Bei Firmen in England und den USA vervollständigte er sein Wissen.
Doch irgendwann braucht jeder ein festes Zuhause. Abel fand seines in Frankfurt-Hoechst, wo er "Waffen Höl-ken", einen kleinen, bereits seit 1910 existierenden Familienbetrieb übernahm, den er bereits von Ferienjobs aus der Lehr- und Studienzeit her kannte. Schon damals begann auch die enge Zusammenarbeit mit dem Büchsenmachermeister und Schäfter Horst Möller. Für Abel war er "Lehrmeister und Freund, der leider 1989 viel zu früh verstarb".
Der Laden in der Bolongaro-Straße erscheint manchem Besucher allzu winzig — doch Abel zuckt nur die Schultern: "Ich hatte nie Interesse an einer Erweiterung. Ich bin eben ein Handwerker, nur ein Ingenieur!" Aus diesem Grund legte er auch nach einigen Jahren die Tätigkeit als Vorsitzender des Verbandes Deutscher Büchsenmacher in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland nieder.
Weiterbildung vor Ort: 1995 besuchten die Kurzwaffen-Spezialisten des Club 30 das Smith & Wesson Performance Center in Springfield.
"Zuviel Formularkram und zu wenig Zeit für Entwicklungen." Trotzdem, bald stürzte er sich wieder ins Vereinsleben und gründete 1991 den "Club 30", eine Arbeitsgemeinschaft für Büchsenmachern, die zum Austausch von Tuning-Erfahrungen bei Smith & Wesson-Revolvern dient. Inzwischen dürfen die Clubmitglieder mit allerhöchstem Segen aus Springfield Custom-Waffen aus S & W-Teilen fertigen und mit dem Signet "S & W — Club 30 Germany" versehen.
In letzter Zeit geht Peter Abel aber öfter fremd. Und wie das so ist, fing alles ganz harmlos an: Schausteller brachten immer wieder ihre CO2-Schieß-budengewehre zur Reparatur — und damit den aktiven IPSC -Schützen zum Nachdenken: Wie kann man einem Jünger des dynamischen Schießsportes ein preiswertes Trainingswerkzeug in die Hand geben, mit dem er ohne großen Aufwand üben kann?
Abel machte erste Gehversuche mit dem Crosmann 622. Dessen stabiles CO2-Vorder-schaft-Repetierersystem ähnelt dem der Remington 840. Nur am nötigen Wumm fehlte es, jedenfalls für Abel. Deshalb tauschte er die schwächliche Acht-Gramm-Kapsel gegen eine Großkartusche, ummantelte den dünnen Luftgewehr-Lauf mit einem Flintenrohling im Kaliber 12 und versah das Ganze mit einem Original-Remington-Schaft. Ergebnis: ein Übungsgewehr mit den Maßen und dem passenden Gewicht für die in Bayern und Österreich beliebte IPSC-Disziplin "Praktische Flinte".
Doch leider verschwand das 622 kurz darauf vom Markt, und Abel bekam Nachschub-Probleme für weitere Experimente. Zwar gibt es in Deutschland Tausende dieser Gewehre, nur in Kleinanzeigen sind sie rar.
Als das Crosman 1077 (Heft 1/94 und 8/95) auf dem Markt erschien, war Abel zunächst kritisch: "Überall Plastik, zu kurz, zu leicht - Kinderkram!' Doch die Technik und das 12-Schuß-Magazin des kleinen, preiswerten Luftgewehrs überzeugten ihn. Er grübelte über Aufbaumaßnahmen nach: Die nur für 60 Schuß reichende Kapazität der originalen Kartusche ersetzte er durch ein von ihm konstruiertes Adaptersystem für Walther- oder Feinwerkbau-Kartuschen, wie sie bei Wettkampfmodellen Verwendung finden. Je nach Gasabnahme reicht es nun für 200 Schuß.
Außerdem entwarf er als Alternative noch eine nachladbare Kartusche für 300 bis 500 Schuß, die eine bessere Gewichtsverteilung der Waffe bietet. Ferner goß Abel den Vorderschaft mit Kunstharz aus und steckte in den hohlen Kolben ein Bleigewicht, damit die Waffe im Anschlag ruhiger liegt. Schaftverlängerungen von je einem Zentimeter Länge sorgen für eine vernünftige Ergonomie. Das Gewehr paßt nun auch an die Schulter eines Erwachsenen.
Je schneller man schießt, desto mehr nervt das Gepfriemel beim Laden der Crosman-Magazine. Als Abhilfe dachte sich Abel ein Schnellade-System aus, das bis zu neun Magazine auf einmal lädt. Aber das ist noch Top Secret — bis zur Erteilung des Gebrauchsmuster- und Patentschutzes.
Bei aller Druckluft-Begeisterung muß sich Abel noch Zeit für seinen eigentlichen Job abknapsen, das Reparieren und Tunen von Großkaliberwaffen. Wenn der Tag doch 36 Stunden hätte...«
VISIER 6/1996

