Lockerungs-Übung
Teuerer Spaß: Bei der Demontage von Antikwaffen produziert ein falscher Handgriff schnell Bruch.
Von Sven Helmes
Frühjahrszeit — Großputzzeit. Nicht nur Hausfrauen, auch viele Waffensammler und Vorderladerschützen befällt dieser ungemütliche Virus. Einmal losgelassen, walten die Kräfte der Herren allerdings mitunter allzu zügellos. Und wird das Sammlerstück mit dem falschen Gerät traktiert, kann man schnell Schrott produzieren. Kein Wunder, zeigen Spurenanalysen an antiken Waffen häufig ausgebeulte Schlitze oder gar verdengelte Laufkeile, abgerissene Schraubenköpfe und ausgebrochene Schloßmortisen.
Dies Schicksal droht jedem Kleinod, wenn Unkundige oder allzu Forsche sich an seine Demontage machen. Dabei ist das Ganze ein Kinderspiel — wenn man weiß, wie es geht und das richtige Werkzeug besitzt. Viele Sammler und Schützen geben zwar ohne mit der Wimper zu zucken ein paar Tausender für ihre Traumwaffe aus, weigern sich aber standhaft, einen Hundertmarkschein in das geeignete Werkzeug zu investieren.
Aber die hammerschlag-blaue Box des Baumarkt Junkies birgt Werkzeug, das als Waffengerät ungefähr so viel taugt wie ein Alligator als Kuscheltier. Gewöhnliche moderne Schraubendreher mit ihren schmalen Klingen passen einfach nicht zu den breiten Schlitzen der alten Schraubenköpfe. Nach einer solchen Zwangsbehandlung sind oft ausgerissene Schlitze die Folge — nicht ohne Grund stapeln sich die unterschiedlichsten Drehinstrumente bei, Büchsenmachern.
Dabei kostet eine Grundausstattung an speziellen Schraubendrehern nicht mal 100 Mark — eine einmalige Ausgabe, die vor Herzinfarkt und grauen Haaren bewahrt.
Im Besitz von vernünftigem Werkzeug gilt der nächste Gedanke einem anständigen Arbeitsplatz. Der Eßtisch kurz vor dem Abendessen stellt eine eher unglückliche Möglichkeit dar. Deshalb träumen alle Schützen von einem stabilen Tisch im Hobbyraum. Aber einmal im Jahr darf der Bastler vielleicht auch den Gartentisch im Schlafzimmer plazieren (Blumen wirken Wunder).
Egal wie — groß, sauber, eben und hell sollte die Arbeitsstätte auf jeden Fall sein. Als Auflage verwenden erfahrene Schrauber ein helles Saunatuch aus Frottee. Das schützt Waffe und Tisch vor Kratzern, saugt überschüssiges Reinigungsmittel auf und vereitelt durch seine Schiingenstruktur die Fluchtversuche kleiner Schrauben. Wer schon mal stundenlang Kleinteile auf graumeliertem Teppichboden gesucht hat, weiß, wie schnell sich so eine Anschaffung rentiert.
Ebenfalls auf den Tisch gehören Lappen, Ohrenreinigungsstäbchen, Pfeifenreiniger, alte Zahnbürsten, Waffenöl und Rostlöser sowie ein Behälter für Federn und Schrauben. Auch ein Glas Wein sollte nicht fehlen — schließlich darf die Sache auch Spaß machen.
Die Arbeit an der Waffe erfordert volle Konzentration. Also: absolute Ruhe, am besten die Frau zum Shopping, die Kinder ins Kino und den Hund sonstwohin schicken. Und endlich kann der Bastler loslegen. Besonders bei alten Waffen muß man den Schraubenschlitz mit der Messerklinge erst mal vom Dreck der Zeit reinigen. Nur dann kann die Schraubendreher-Klinge richtig greifen, immer vorausgesetzt, er ist nicht zu ausgelutscht. Dann muß man ihn mit einer Schlüsselfeile nacharbeiten.
Festgerosteten Schrauben rückt man am besten mit einem hundsgewöhnlichen Baumarkt-Rostlöser zu Leibe. Aber Achtung: Zuvor an einer unauffälligen Stelle seine Wirkung auf den Schaft ausprobieren. Wenn sich das Teil trotzdem nicht rührt, ein klein wenig in die Gegenrichtung drehen, um die Schraube zu lockern. Ziert sie sich dann immer noch; hält sie wahrscheinlich verharztes Fett an ihrem Platz. Dann hilft nur noch die Brutalo-Methode: kräftiges Einheizen mit einem starken Lötkolben.
Auch der Ausbau des Schlosses ist für jeden mittelmäßig begabten Menschen zu bewerkstelligen — sofern er sich an die Spielregeln hält: Den Hahn bis zur Laderast spannen, die Schloßschrauben auf der anderen Schaftseite lösen. Im Idealfall läßt sich nun das Schloß, am Hahn gehalten, senkrecht aus seiner Bettung heben. Wer das Schloß mit Gewalt herauswinkelt, riskiert, daß ihm ein Stück der dünnhäutigen Mortise ausbricht. Der bessere Weg besteht darin, die beiden Schloßschrauben wieder ein wenig in ihr Gewinde zu schrauben. Leichte Schläge auf die Schraubenköpfe heben die Platte dann aus der Schaftbettung.
Der nächste Griff gilt dem Ladestock. Mitunter sitzt das Stück regungslos in seiner Nut und läßt sich nicht herausziehen. Erster Versuch: Drehen, vielleicht hält ihn ein Gewinde am unteren Ende. Etwas Öl kann das Teil zum Herausrutschen bringen, wenn Rost die Reibung erhöht. Dann heißt es, die Laufringe oder Keile von der Mündung zum Kolben hin nacheinander entfernen. Auch hier sollte man die rohen Kräfte im Zaum halten. Besser: Bei den Ringen etwas Öl in die Zwischenräume spritzen.
Will sich die Garnitur überhaupt nicht bewegen, von der entgegengesetzten Seite mit einem kleinen Stück Hartholz am Lauf sowie in der Ladestocknut ansetzen und mit einem Gummi-Hammer losklopfen.
Bei Querschiebern ist darauf zu achten, ob sie von unten (Ladestocknut) mit einer Schraube oder einem Stift gesichert wurden. Auch hier sollte man mit einem Dübelholz arbeiten, nicht etwa mit Nägelköpfen oder gar Schraubenziehern.
Vorsicht bei trockenem Schaftholz: Sofern die Waffe keine Patent-Schwanzschraube besitzt, entfernt man die Baskülschraube bevor das unterste Band ganz abgestreift wird. Das kleine Ding kann sonst mit seiner Hebelwirkung einen spröden Schaft spalten, und niemand weiß, ob nicht durch falsche Trocknung oder äußere Einflüsse das Schaftholz verzogen ist und den Lauf rausdrückt. Jetzt wird's ernst: Beim Entfernen des untersten Laufrings (oder Querstifts, Schiebers) zieht eine Hand das Band ab. Die andere umfaßt Lauf und Schaft in Höhe der Mortise. Damit der Lauf nicht plötzlich unkontrolliert aus seiner Bettung plumpst oder der Schaft sich durch das Gewicht des Kolbens selbständig macht, ist umsichtiges Handeln angesagt. Die Waffe sollte deshalb flach auf dem Tisch liegen.
Zum Ausschäften kann sie auch im Sitzen mit der Mündung auf den Boden gestellt werden, ein Fuß schützt sie dabei vor dem Verrutschen. Das hintere Drittel des Laufes ruht auf dem Oberschenkel des anderen Beins. Eine Hand sichert den Lauf, die andere hebt das Holz durch Druck auf den Kolben von der Laufwurzel zur Mündung hin ab. Bei den meisten älteren Waffen bildet der Abzug eine feste Einheit mit dem Abzugsbügel, so daß nach dem Lösen der beiden Holzschrauben das ganze Teil auf einmal entnommen werden kann. Wer sein Schloß zum Restaurieren oder Nacharbeiten komplett zerlegen möchte, kommt um die Anschaffung eines Federspanners nicht herum. Diese Schraubzwinge kostet etwa 40 Mark, eine Ersatzfeder aber locker einen Hunderter oder noch mehr. Deshalb Finger weg von improvisierten Klemmwerkzeugen wie Zangen, Engländern und ähnlichen Gerätschaften.
Die Handhabung des Federspanners ist so simpel wie das Öffnen einer Bierdose. Der Schloßhahn kommt in die zweite Spannrast und die Zwinge drückt durch Drehen der Stellschraube die beiden Enden der Schenkelfeder zusammen. Durch vorsichtige Seitwärtsbewegungen löst der Bastler nun den Haltezapfen aus seinem Stollen in der Schloßplatte. Notfalls hilft ein Durchschlag von der äußeren Schloßseite. Dann setzt man den Schraubendreher an die Halteschraube der Stangenfeder. Lockert man die Schraube, springt sie meist von selbst aus ihrer Haltenut. Hahn- und Studelschraube entfernen — und schon liegen die Einzelteile des Schlosses vor dem Bastler.
Service: Werkstatt-Führer
Die Grundausstattung der Hobby-Büchsenmacherwerkstatt kostet nur wenig Geld: Den Basisbestand an Schraubendrehern liefern die meisten großen Händler als Komplettset für weit unter 100 Mark. Ein Lyman Durchschlagsatz wechselt für ungefähr 50 Mark den Besitzer. Einen einfachen Hammer mit Messing-, Kunststoff-, oder Gummistempel führt jeder bessere Baumarkt und kostet ungefähr 15 Mark. Zur Demontage eines Vorderlader-Schlosses bedarf es eines Federspanners, wie ihn beispielsweise das Zeughaus Hege für 40 Mark anbietet. Die wohl bekannteste Adresse für Büchsenmacher-Werkzeug lautet: Waffenwerkzeuge Triebel, Kemptener Straße 73, 87600 Kaufbeuren, (08341) 95080. Das Unternehmen liefert auch an Endverbraucher, die Broschüre ist kostenlos
VISIER 10/1996

