Innere Werte
Einfach reizend
Entwicklung einer Reizstoffwolke aus einer Pistole im Kaliber 9 mm. Der Nebel löst sich relativ schnell auf und kann durch Feuchtigkeit in der Luft, durch Regen oder Wind zusätzlich beeinflußt werden.
Egal, ob bei den zwei Talenten der US-Actrice Pamela Anderson oder beim Wiener Schnitzel: Masse statt Klasse scheint das Motto vieler Zeitgenossen zu sein.
Von Sven Helmes
So greifen auch Käufer von Gas-Alarm-Waffen häufig zu den großen Kalibern und schleppen eine schwere, klobige Waffe in der Tasche mit sich herum.
Dabei steckt in einer Riesenpatrone nicht unbedingt mehr Power. Denn nicht das Fassungsvermögen der Hülse, sondern der maximale Gasdruck, für den die Waffe ausgelegt ist, bestimmt die Grenzen. Bei 450 bar liegt die Maximal-Marke bei Schreckschußwaffen. So viel Bumms liefert sowohl die relativ kleine .315 Patrone als auch die viel größere .35. Von diesem Kaliber sind hierzulande jedoch allenfalls Waffen-Restbestände erhältlich. Die imposant wirkende Revolverpatrone .45 short erreicht bloß 400 bar, und der kleine Bruder 9 mm bringt sogar nur 250 bar.
Als Treibladung diente bis vor wenigen Jahren Schwarzpulver, das in den Waffen agressive und sehr starke Ablagerungen hinterließ. Das ließ sich schwer reinigen und führte besonders bei Pistolen häufig zu Funktionsstörungen; die dicken Krusten behinderten die Bewegung des Schlittens. Die Munitionshersteller (in Deutschland: RWS, Silberhütte, Wadie und SM) gingen deshalb zunächst zum weniger aggressiven NC-Pulver (Nitro-Cellulose) über, das auch in den Patronen scharfer Waffen steckt. Doch bei dem fehlte es nicht nur an der spektakulären Rauchwolke, sondern auch am lauten Knall, so daß mittlerweile alle Hersteller wieder ein Gemisch aus Schwarz- und NC-Pulver verwenden. Lediglich Wadie liefert speziell für die Single-Action-Revolver der Wochenend-Cowboys noch reine Schwarzpulver-Patronen, die für den klassisch-dumpfen Knall sorgen.
Nun erfreut zwar ein schöner Knall des Schützen Ohr und erreicht eine gewisse Signalwirkung. Aber beim Kauf eines Gasrevolvers oder einer Gaspistole steht meist der Selbstverteidigungs-Aspekt im Vordergrund. Auch hier wartet eine dicke Überraschung auf die Großkaliber-Freunde. Denn die Reizstoff-Menge, die durch eine dünne Korkscheibe von der Treibladung getrennt in der Hülse sitzt, ist durch das Waffenrecht eng begrenzt. Lediglich 80 Milligramm des Reizstoffes CS oder 160 mg CN dürfen in einer Patrone stecken - nicht als Gas, sondern in einer Trägersubstanz, die aussieht wie fein gemahlener Puderzucker. (Wadie liefert zum Schutz gegen Tiere übrigens auch Pfeffer-Patronen, auch sie mit 80 mg Wirkstoff.)
Farben-Lehre:
Die Munitionssorten sind bei Pistolen an farbigen Abschlußkappen zu identifizieren. Schreckschußpatronen sind grün, CN-Reizstoffpatronen blau, CS ist gelb und OC braun.
Die Pistolen im Kaliber 9 mm P.A.K. erreichten eine Nebelausdehnung mit etwa 2,50 Metern Distanz und übertrafen die Reichweite der Revolver somit um einen halben Meter. In diesem Bereich bewegte sich auch die Gaswolke, die der Combat Magnum von Smith & Wesson produziert - der im Moment einzige Revolver im Kaliber .45 K. Doch egal, ob Pistole oder Revolver - beide Waffentypen sind eigentlich nur bei schönem Wetter wirksame Verteidigungswaffen. Denn Regen drückt die Reizstoffwolke in nur wenigen Sekunden zu Boden. Das ärgert dann zwar die dortigen Insekten, behindert aber einen Angreifer kaum. Auch der Tip, hinter einer Reizstoff- sofort eine Knallpatrone zu verschießen, um die Gaswolke weiter von der Mündung "wegzuschieben", ist Mumpitz. In der Praxis führt der Druck der Knallpatrone lediglich zu einer schnelleren Verwirbelung. Der Wirkungsbereich des Reizstoffes dehnt sich dann zwar aus, die Konzentration läßt aber gleichzeitig nach. Auch Wind stört die Entwicklung der Reizstoffwolke. Im günstigen Fall versetzt er den Nebel zur Seite, bei Gegenwind sieht's schlecht aus: Es besteht die Gefahr, daß der Schütze den Reizstoff selbst ins Gesicht bekommt.
Kein Spielzeug:
Der hier nur zur warnenden Demonstration und nicht zur Nachahmung aufgesetzte Revolverschuß riß ein kinderfaustgroßes Stück aus der Melone. Auf diese Weise ereigneten sich hierzulande in den letzten Jahren schon mehrfach schwerste Unfälle mit großflächigen Gewebezerstörungen, Erblindungen und sogar einige Todesfälle - allein durch den Mißbrauch von Knall- und Gaspatronen.
Daß die Hersteller von Gas- und Schreckschußwaffen vor Schüssen auf kurze Distanz warnen, ist kein Werbegag, sondern bitterer Ernst. Ob Kaliber .315 oder 9 Knall, als die VISIER-Tester mit aufgesetzter Mündung diverse Melonen beschossen, spritzten Schale, Saft und Fruchtfleisch in alle Himmelsrichtungen - den Wespen zur Freude. Auf kurze Distanz gegen Menschen eingesetzt, hat ein solcher Nahschuß eine verheerende, lebensgefährliche Wirkung. Mündungsfeuer, Pulverreste, die Druckwelle und herausgeschleuderte Teile der Verschlußkappen können schwerste Verletzungen vor allem an den Augen hervorrufen. Die Melonen zeigten rund um das Einschußloch deutliche Brandspuren.
Aber das darf im Ernstfall nicht passieren. Wer angegriffen wird, sollte nicht warten, bis ihm der Gegner an der Gurgel hängt. Besser wäre, aus einiger Entfernung die Waffe auf den Brustbereich des Angreifers zu richten und dann eine Reizstoff-Wand zwischen sich und dem Angreifer aufzubauen: Also schießen, was Magazin oder Trommel hergeben, und dann die Beine schleunigst in die Hände nehmen.
aus: VISIER-Special: Freie Waffen, Sommer 1998

